Tag 29/3 : Olveiroa nach A Amarela

Heute war der vorletzte Tag, und er begann mit einem echten Härtetest für meine innere Pilgerruhe. Im Bett gegenüber lag der „Schnarcher des Todes“. Das ist keine Übertreibung, sondern eine klinische Beschreibung: explosionsartige Geräusche, gefolgt von einem tiefen, raumfüllenden Schnarchen, gegen das selbst die besten Ohrstöpsel völlig machtlos waren. Um fünf Uhr war ich wach, hörte mir das Spektakel eine Weile an und merkte dann, dass mich diese Geräuschkulisse langsam aber sicher latent aggressiv machte. Um zu verhindern, dass ich in einem Anflug mangelnder spiritueller Gelassenheit irgendetwas werfe, stand ich lieber auf.

Also das übliche Programm: Morgenroutine, alles sortieren, Füße verarzten. Kurz vor sieben ging es dann los, raus aus Olveiroa und rein in die Natur. Die Etappe heute versprach landschaftlich sehr schön zu werden: Es ging am Berg entlang, im Tal lag ein großer Fluss, dazu viel Wald und natürlich wieder einige Höhenmeter. Denn heute stand der berühmt-berüchtigte Abstieg nach Cee auf dem Programm. Aber der Camino wäre nicht der Camino, wenn man vor so einem Abstieg nicht erst einmal wieder bergauf müsste.

Der nächste Ort hieß Logroso, etwa vier Kilometer entfernt. Dort sollte es angeblich eine Bar geben. Meine Hoffnung auf Kaffee war um diese Uhrzeit ohnehin eher gedämpft, aber ich wurde tatsächlich überrascht: An die Bar ist eine Herberge angeschlossen, weshalb schon geöffnet war. Es gab Kaffee und ein Schoko-Croissant. Ein perfekter Start.

Nach der kurzen Pause ging es weiter nach Hospital, dem letzten Ort vor Cee. Von da an hieß es: 14 Kilometer lang nichts mehr. Nur Wald, Wege und Natur. In Hospital selbst hatte alles geschlossen, aber eine Tafel wies darauf hin, dass ich mich nun im Gebiet des Vákner befand – dem galicischen Werwolf. Das klang zumindest nach einer schönen lokalen Gruselgeschichte. Angeblich sollte es dazu sogar eine Statue geben. Und tatsächlich: Nach ein paar Kilometern stand ich unvermittelt vor dem Werwolf. Die Statue ist groß und ehrlich gesagt ein bisschen seltsam gestaltet, aber sie passt irgendwie in diese einsame Landschaft.

Kurz darauf kam der offizielle Abzweig: Hier entscheidet man, ob man nach Muxía oder nach Finisterre geht. Ich bog nach Finisterre ab. Der Weg führte erst einmal wieder bergauf, blieb aber durchgehend idyllisch. Nach einigen weiteren Kilometern erreichte ich eine kleine, alte Kapelle, in der man einen Stempel bekam. Ich ging kurz hinein, unterhielt mich ein wenig mit den Leuten, die dort aufpassten, und zog dann weiter.

Und dann begann er: der Abstieg. Erst noch sacht, dann aber immer steiler. In diesem Moment konnte ich zum ersten Mal wieder das Meer sehen. Der Atlantik lag vor mir. Und plötzlich schoss mir dieser eine, fast unwirkliche Gedanke in den Kopf: Ich habe gerade Spanien, dieses riesige Land, einmal vollständig und am Stück zu Fuß durchquert. Von Ost nach West. Von den Pyrenäen bis zum Atlantik. Ungefähr 960 Kilometer. Das muss man sich wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Es ist schon ziemlich krass, wenn man so darüber nachdenkt.

Den restlichen Abstieg habe ich teilweise joggend absolviert – immer dann, wenn der Untergrund es zuließ und das Gefälle so steil war, dass gebremstes Gehen ohnehin anstrengender gewesen wäre als Laufen. So war ich ziemlich bald unten in Cee. Es war 11 Uhr, und inzwischen war es wieder sonnig und sehr warm geworden. In Cee ging ich als Erstes zum Strand, ruhte mich kurz aus und stockte dann meine Vorräte auf.

Von Cee bis zu meinem Tagesziel in A Amarela waren es nur noch vier Kilometer. Natürlich ging es wieder bergauf. Nach einem weiteren rettenden Kaffee nahm ich auch dieses letzte Stück in Angriff und war gegen 13 Uhr an der Herberge.

Und da wartete auch schon die böse Überraschung des Tages: Der Schnarcher des Todes war ebenfalls hier. Man fragt sich in solchen Momenten unweigerlich, was man dem Universum eigentlich getan hat.

Ich ging duschen, packte meine Wäsche in die Maschine und wollte mich ausruhen. Das war allerdings leichter gesagt als getan, denn neben mir wurde bereits wieder munter vor sich hin geschnarcht. Also Kopfhörer rein und Musik an. Am Nachmittag fasste ich mir ein Herz und sprach den Mann vorsichtig an. Ich bat ihn, in der Nacht doch bitte auf der Seite zu schlafen, weil sein Schnarchen auf dem Rücken wirklich ohrenbetäubend sei. Er zuckte nur mit den Schultern – es war ihm schlichtweg egal.

Und nun liegt er hier im Nachbarbett. Es ist Abend, und ich kann natürlich nicht schlafen, weil er wieder sein ganzes Repertoire abfeuert. Das wird morgen garantiert wieder sehr früh werden. Aber morgen ist auch mein letzter Tag. Dann geht es nach Finisterre. Ans Ende der Welt. Und ganz bestimmt weg von diesem Schnarcher.

Tags:

Comments are closed

Latest Comments

Es sind keine Kommentare vorhanden.