Tag 9: Güemes, Santander nach Santillana del Mar

Es war einer dieser Tage, die sich anfühlen, als hätte man drei Etappen in eine einzige gepackt. Auf dem Papier stand die Strecke von Güemes nach Santillana del Mar. Am Ende kamen völlig absurde 66 Kilometer zusammen – wovon allerdings 6 Kilometer auf dem Wasser und 20 pragmatisch im Zug absolviert wurden. Aber die verbleibenden 40 Kilometer haben wir grundehrlich in den kantabrischen Asphalt gestampft.

Wir starteten als große Truppe zu sechst aus Pastor Ernestos Herberge. Der Weg hinab ans Meer war ein landschaftlicher Traum. Es ging direkt an der Steilküste entlang, das Wetter spielte hervorragend mit und die Ausblicke über die Klippen waren fantastisch. Dennoch war die Stimmung in der Gruppe eher verhalten. Wir waren alle ziemlich müde, und besonders die Mädels hatten arg mit strapazierten Füßen zu kämpfen, weshalb wir nur sehr langsam vorankamen. Zudem schwebte eine gewisse Melancholie über uns: Je näher wir Santander kamen, desto gedrückter wurde die Stimmung, denn allen war klar, dass Inga die Gruppe heute verlassen würde.

Am Ende der Bucht nahmen wir dann das Fährboot von Somo nach Santander, eine sehr willkommene kleine Pause für die Füße. In der eleganten Hafenstadt angekommen, wurde die Gruppendynamik dann endgültig auf den Kopf gestellt. Für Inga war die Zeit auf dem Camino abgelaufen, sie musste die Heimreise antreten. Der Abschied zwischen den Mädels war dementsprechend tränenreich. Max hatte sich derweil schon im Vorfeld ein Quartier direkt in Santander gesucht und blieb ebenfalls dort.

Übrig blieben also Helena, Jan, Kiara und ich. Wir entschieden uns ganz bewusst dafür, in den Zug nach Mogro zu steigen. Wer den Norte kennt, weiß: Industrie und städtische Zersiedelung muss man sich als Pilger nicht zwingend erwandern, wenn es sich vermeiden lässt. Dazu kommt die absurde Infrastruktur bei Mogro: Dort gibt es eine Eisenbahnbrücke über den Fluss Pas, die für Fußgänger und Pilger schlichtweg gesperrt ist. Die offizielle Alternative wäre ein riesiger, völlig humorloser Umweg entlang der Autobahn gewesen. Da war der Zug die deutlich attraktivere Option.

Ab Mogro ging es dann wieder zu Fuß weiter. Und dieser Abschnitt war ehrlicherweise ziemlich zäh. Es gab viel Asphalt, und die schiere Länge des Tages steckte uns allen spürbar in den Knochen. Eigentlich schleppten wir uns nur noch vorwärts, bis wir läppische vier Kilometer vor Santillana del Mar standen.

Und dann öffnete der Himmel, der uns den ganzen Tag so geschont hatte, schlagartig seine Schleusen. Ein heftiges Gewitter zog auf, und ein sturzflutartiger Platzregen brach über uns herein. Wir flüchteten ziemlich unheldenhaft unter das rettende Dach einer Tankstelle. Als das Wasser nach einer ganzen Weile immer noch sintflutartig vom Himmel kam und alle komplett am Ende ihrer Kräfte waren, warf der Pilgerstolz endgültig das Handtuch. Wir riefen uns für die allerletzten vier Kilometer ein Taxi. Auf offener Straße in ein Unwetter zu geraten, wenn man eigentlich schon geistig im Bett liegt, braucht wirklich kein Mensch.

Ich liege nun im altehrwürdigen Konvent von Santillana del Mar, einem ehemaligen Kloster, das seit neun Jahren als Pilgerunterkunft dient. Ein sehr ruhiges und atmosphärisches Plätzchen für so einen erschöpfenden Tag.

Für morgen mussten ich übrigens umplanen: Da in Comillas absolut kein einziges Zimmer mehr aufzutreiben war, haben ich die Etappe angepasst und es geht direkt weiter bis nach San Vicente de la Barquera. Aber das ist ein Problem für den morgigen Tag. Jetzt wird erst einmal geschlafen.

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